Historical dream account · German · original text

A missing banknote at the theater box office

Arthur Schnitzler

Arthur Schnitzler: Tagebuch 1879–1931 — digital edition (2021) · Dated diary entry 1909-07-13; TEI body paragraph 0

Wachte 4 Uhr Morgens aus einem überraschend lebhaften Traum auf, den ich gleich flüchtig notirte: Bin zu Hause (Frankgasse?) eine Dame Frau Nandow kommt, mit Brief ihres Gatten, Direktors, wo mein Stück mit ihr in der Hauptrolle (welches Stück?) aufgeführt wurde, aber mißfiel. Ich weise Kritiken vor, daß es nicht so schlimm gewesen sein könne, die mir eben Observer geschickt, eine aus dem Tag von Anna F. unterschrieben, mit Elogen für Frau Nandow. (Vor vielen Jahren schickte der Direktor Linsemann seine Frau Sandow zu mir, sie wollte in einem Stück von mir gastiren.) (Im Traum war der Direktor Barnowsky.) Ich gehe mit Frau Nandow fort die ein wenig Olga Waissnix, ein wenig Olga und, wie mir erst jetzt einfällt Mme. Desprès ist, Gefühl großer gegenseitiger Zärtlichkeit, fast beglückend. Wir fahren auf einer Tram, ein Bursch, Plattenbruder mit seinem Mädel wollen brüsk aussteigen, mit ihrem Tandem; der Bursch hat weiße Piquéhöschen mit vielen rothen Bändchen, sie fahren auf dem Tandem die Straße weiter, eine Stufe aufwärts und der Bursch ruft „Hoch Lueger“. (Trebitsch erzählte gestern von einem Plattenüberfall auf den Dichter Bartsch.) ― Mit Frau Nandow vor einem Varieté, oder Theater? ― ja richtig noch auf der Straße ich zu ihr: „Sie müssen mir von ihrem Leben erzählen.“ Sie: „Ich bin nach Wien Ihretwegen gekommen“. Ich. „Das ist ein Ende, kein Anfang.“ (Unbewußtes verkehrtes Citat aus Medardus.) ― Im Theater in einer Loge Léons Frau? oder Tochter? (sieht der Frau Jerusalem im Traum ähnlich), Frau Nandow wartet im Logengang, oder ist es ihre Freundin, irgendwo Leonie Guttmann; ich brauche eine Loge für 4 Personen; an der Kasse fehlt mir plötzlich eine 100 Kronen Note ― ich verdächtige einen Herrn, eine Art von Geschäftsdiener, der sich zur Wehr setzt, ich muß mein Unrecht einsehn, zahle ― die Kassierin sagt: es ist die Loge im 2. Stock von Frankfurters; ich wundre mich, daß sie nicht in die Oper gehn, wenn doch die Götterdämmerung ist. Ich kaufe für meine Damen 3fach gemischtes Eis, habe noch 80 Kronen, endlich zurück, erzähle ihr mein Abenteuer; es ist aber Herr Stieler, in Frack, er, sie? will die Hälfte zahlen ― ich finde Rubelscheine in meiner Brieftasche. Endlich find ich Zeit, das P-oir aufzusuchen ― Thüren in einer Art Hall mit großem Lesetisch ― ich höre die Stimme von Paula, die neben Gisa sitzt (die liest und sich nicht um mich kümmert) ― ich begrüße Paula, sie sagt: Jetzt haben Sie geredet wie der Graf O’Sullivan („die Rahl ― Drut!“) ― ich mache einen Scherz und copire den Sullivan ― ― hier ungefähr erwacht ich. Irgendwann sah ich auch Frau Nandow in weißem Kleid mit aufgelösten Haaren ― und an der Kasse mach ich irgend einen Strohwitwerwitz.―

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An original German dream account recorded in Arthur Schnitzler’s diary. The reviewed excerpt preserves the source prose after documented TEI editorial running/page furniture was excluded; no translation or reconstruction was added. Its date is the diary entry date.

Arthur Schnitzler: Tagebuch1879–1931. Digital edition, Austrian Centre for Digital Humanities / Austrian Academy of Sciences (2021), diary entry 1909-07-13. Excerpt from pinned TEI XML with editorial running headers omitted; repository blanket CC BY-SA4.0 retained.

Digital edition credits: Martin Anton Müller; Werner Welzig; Peter Michael Braunwarth; Susanne Pertlik; Reinhard Urbach; Konstanze Fliedl; Richard Miklin; Maria Neyses; Walter Ruprechter. Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage / Österreichische Akademie der Wissenschaften. Based on the print edition (Vienna: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1981–2000).

Diary entry date; dream generally previous night unless entry says otherwise

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Content notes
  • Romance
  • Historical political reference

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